Sei, was Du tust…

Die Taschenuhr: Heute mag sie für Romantik stehen, doch mit ihr entstand in der frühen Neuzeit unser heutiges, quantitatives Zeitverständnis. Freilich, im Vergleich mit Atomuhren machen Taschenuhren einen sehr gemächlichen Eindruck. Doch ihr Tick-tack bleibt symptomatisch. (Foto: Martin Dühning)
Die Taschenuhr: Heute mag sie für Romantik stehen, doch mit ihr entstand in der frühen Neuzeit unser heutiges, quantitatives Zeitverständnis. Freilich, im Vergleich mit Atomuhren machen Taschenuhren einen sehr gemächlichen Eindruck. Doch ihr Tick-tack bleibt symptomatisch. (Foto: Martin Dühning)

Zu den schlimmsten Sünden im Leben gehört wohl Zeitverschwendung. Zeitverschwendung aber ergibt sich nicht aus Unproduktivität oder „Ineffizienz“ des Schaffens, sondern aus Mangel an Sinn.

Letztlich ist objektiv nicht messbar, wann eine Tätigkeit Lebenszeit verschwendet; es ist eine Frage des inneren Erfülltseins. Ob man sich in der Hingabe für Andere erschöpft und ausbrennt, oder darin seine Erfüllung findet, hängt von der eigenen Einstellung ab, umgekehrt ist auch bloße Muße sinnerfüllt, wenn wir sie mit entsprechender Hingabe ausüben – ob es sich um hohe Kunst oder eher platte Spielfreuden wie Computergames handelt, letztlich auch eine Form von Kunstgenuss, ist dafür irrelevant. Es ist eine Frage der inneren Einstellung und des Wollens.

Der Satz „Tu, was Du willst“ aus Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ hat eine lange Vorgeschichte, man kann ihn zum Bösen wenden, wenn man ihn wie Aleister Crowley zu sehr in bloßen Egoismus münzt oder zum Gegenteil, zur absoluten Nächstenliebe, wenn man ihn wie Augustinus mit dem Liebesgebot verknüpft. Letztlich neigt er in seiner klassischen Formulierung aber dazu, falsch gewichtet zu werden. „Tu, was Du willst“ meint nicht Beliebigkeit der Taten. Es kommt ja nicht auf die Tat an, sondern das, was dahinter steht. Es reicht nicht, zu tun, was man will, die Tat ist eine Folge der inneren Freiheit. Klüger wäre daher, den Satz besser anders zu formulieren:

„Sei, was Du tust…“ oder „Sei, was Du tun willst…“

Denn viel Kummer in der heutigen Welt entsteht eben nicht aus mangelnder Entscheidungsfreiheit und Betätigungsvielfalt, sondern dadurch, dass wir, selbst-entfremdet, nicht mehr mit dem übereinstimmen, was wir alltäglich verrichten. Und genau solche Tätigkeiten, die unserem Wesen eigentlich nicht entsprechen, werden als sinnlos empfunden. Wir verrichten sie, teils, weil wir damit glauben, irgendwie voranzukommen, oder aber, weil wir von ihnen abhängig sind, finanziell oder aus Mangel an Fantasie und Alternativen. Als sinnlos empfundene durch andere Tätigkeiten zu ersetzen, oder sie schneller oder effizienter zu verrichten, behebt nicht den Mangel, sondern variiert ihn nur: Wir werden im Leben nicht glücklicher, wenn wir Orte, Beschäftigungen und Beziehungen optimieren. Solange wir nicht in eine innere Verantwortung mit unserem Handeln treten, solange sind wir nicht eins in uns; wir dissoziieren uns nur vielfältig, zerfallen in eine Reihe von Tätigkeiten und Rollenerwartungen – und vielleicht deshalb sind viele heutige Menschen auch nicht mehr wirklich beziehungsfähig.

Es ist ein Grundproblem des Konsumismus, dass er Rezeption mit Erfüllung verwechselt. Finden wir nicht die gesuchte Erfüllung, wechseln wir das Produkt oder den Lebenspartner. Statt Probleme zu lösen und Fehlstände zu korrigieren, werfen wir sie einfach weg und erkaufen uns Neues, was uns in jeder Hinsicht oft teuer zu stehen kommt: Vom Schaden an Umwelt und Mitmenschlichkeit abgesehen – selbst in der Kostenloskultur kostet uns allein das permanente Ersetzen unwiderbringliche Lebenszeit. Letztlich drehen wir uns damit in einem selbstgeschaffenen Hamsterrad und bleiben unfähig, irgendetwas Dauerhaftes zustande zu bringen. Wahres inneres und äußeres Wachstum, aber auch echte Freundschaft bleiben so auf der Strecke, werden mit der Sucht nach Individualität (die wir so aber nicht erringen werden) und individueller Freiheit (die ohne entsprechende innere Haltung aber auch nicht erreicht werden kann) ersetzt.

Genuss und Erfüllung sind keine Widersprüche, aber auch keine Synonyme. Manchmal erhalte ich Erfüllung sogar erst durch Verzicht – und genau das ist die Grundbedeutung von Fasten. Fasten ist ein Prozess, der den Fokus wieder mehr auf die Erfüllung richtet und weniger auf den bloßen Vollzug. Insofern kann es sehr nützlich sein, auf Tätigkeiten oder Wesenheiten zu verzichten, aber auch Fasten selbst ist als Tätigkeit nicht von sich aus erfüllend, sondern nur dann, wenn es intentional auf Sinn ausgerichtet ist, und nicht gar auf Askese im Sinne von Selbstkasteiung.

Verstehe ich den Verzicht jedoch als Chance für eine Neubesinnung, kann er mir den Blick eröffnen darauf, was mir in Wirklichkeit entsprechend und was mir in meinem Leben Sinn gibt – dann erst kann ich tun, was ich wirklich will, oder eben besser formuliert, wirklich sein, was ich tun will.

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Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.