Das Böse in der Welt von heute

Das Böse zu leugnen ist der erste Schritt ins Dunkel, der zweite ist, diese Lüge fortzuspinnen in Richtung Beliebigkeit. Dies führt, wenn es mit der Realität kollidiert, letztlich zu Gewalt und Krieg.

Make Art - NOT War! - Gegen den Überfall auf die Ukraine (Grafik: Martin Dühning)
Make Art – NOT War! – Gegen den Überfall auf die Ukraine (Grafik: Martin Dühning)

Lüge und Krieg

Krieg entsteht fast immer aus Lüge. Die Lüge ist das Bemühen, sich ohne Wahrheitszwang zu rechtfertigen und in ein (besseres) Licht zu stellen, das nicht natürlich, sondern das unwahr ist. Die Lüge wirkt bereits im Verborgenen, lange bevor das Böse offenbar wird. Und wenn man die Wahrheit auch niemals unterdrücken kann auf Dauer, so ist es doch die Lüge, die durch ihr Leugnen von Wahrheit dem Bösen erst Raum schafft. Es ist zwar nur ein vorübergehendes Zeitfenster, denn die Objektwelt kann man nicht dauerhaft durch Dagegensprechen entkräften – aber das Zeitfenster reicht, um die Welt ins Dunkel zu stürzen. Genau deshalb ist die Wahrheit auch das erste Opfer des Krieges. Sie stirbt aber meist schon lange vor Kriegsausbruch, wenn Lebenslügen das Zepter übernehmen.

Träume und Lebenslügen

Ich sehe einen bedeutenden Unterschied zwischen Träumen und Lebenslügen. Der Traum ist kreativ und beansprucht keine unmittelbare Gleichheit mit der Welt des Realen – er ist das Unwirkliche per se, eine kleine Unterwelt mit eigenen Regeln, in der andere Gesetze wirken. Träume sind immer Spiel. Die reale Welt ist meist ernst. Die Lebenslüge allerdings beansprucht für sich den Raum, den in der realen Welt die Wahrheit besitzt. Sie tritt in Konkurrenz, sie bekämpft das Wahre, indem sie es leugnet. Daher sind Träume und Fantastereien kreativ, die Lüge aber zerstört und beschädigt alles um sie herum. Es erstaunt nicht unbedingt, dass es gerade die sogenannten Realisten sind, die den Lebenslügen als erste zum Opfer fallen.  Dagegen haben die meisten Träumer und Fantasten immerhin noch ein Gespür für den Unterschied zwischen der von ihnen erträumten Wirklichkeit und der Realität um sie herum. Das bedeutet nicht, dass sie damit einverstanden sind, oft macht sie das auch sehr unglücklich, aber sie wissen um die Schwelle des Übergangs. Und in diesem Übergang zwischen Ideal und Realisierung vollzieht sich das Moralische oder, falls dies nicht geschieht: Hier wirkt das Böse.

Wirklichkeit ist nicht Realität

Ich habe Menschen gekannt in meinem Leben, die machten keinen Unterschied zwischen subjektiver Wirklichkeit und Realität, und daher glaubten sie auch nicht an die Wahrheit des Bösen. Alles sei Ansichtssache, dachten sie. Für solche Menschen gibt es keinen Unterschied zwischen Absicht und Tun. Und so haben sehr viele Menschen gedacht in jener Schonzeit zwischen 1991 bis 2022, solange die Lüge uns sanft betüdelte und einschläferte. Eine gesunde Skepsis, so wie die Aufklärung sie einfordert, ist durchaus angebracht, doch ist es Hohn, wenn diese Skepsis keinen Unterschied mehr macht zwischen einer Wahrheit, die niemals ganz offenbar ist und den Lebenslügen, die wir uns so gerne erzählen, weil sie uns schmeicheln und gefallen. Wenn man aber kein Gespür für die Wahrheit mehr hat, dann greift auch die Vernunft nicht mehr und ohne Vernunft gibt es auch keine innere Freiheit. Ohne eine gemeinsame Wahrheit machen auch Diskurse keinen Sinn mehr. Dann geht es nur noch um Beeindruckung. Wir werden dann zu willkürlich geworfenen Spielbällen von Eindrücken und Trieben.

Die Substanz des Bösen

Ich glaube nicht, dass das Böse in sich keine Substanz hat, denn es ist ja präsent und wirksam und das galt eigentlich immer, auch schon vor dem russischen Überfall auf die Ukraine, der Europa aus seinen betüdelnden Konsumträumen aufschrecken ließ, wie die Coronapandemie es noch nicht vermochte. Das Böse ist definitiv real. Ich glaube aber, dass wir nicht an das Böse glauben sollten, sofern man unter „Glauben“ das versteht, was das englische Wort „Faith“ viel besser ausdrückt: ein Grundvertrauen, eine Beziehungswahrheit. Wir sollten an die Kraft des Guten glauben, aber nicht an das Böse. Denn sich dem Bösen anvertrauen, soweit gehen noch nicht einmal die größten Tyrannen. Deshalb bedarf es der Lüge, um aus Bosheiten kleine Götzen zu erschaffen, denen man sich eher anvertrauen kann: dem Götzen Ehre, dem Götzen Reichtum, dem Götzen des Nationalismus und dem Götzen der rechtmäßigen Rache. Auch Freiheit kann ein Götze sein oder „Wahrheit“, wenn man sie mit dem persönlichen Fürwahrhalten verwechselt.

Es war ein wenig voreilig, alle diese Götzen für substanzlos zu sprechen – wenn man den Unterschied zwischen Glauben und Fürwahrhalten nicht mehr kennt. Auch Lügen können sich manifestieren, somit erhalten sie eine Realität, die man schwerlich ignorieren kann, und tut man es, muss man damit rechnen, dass sich das Böse in noch grauenvolleren Formen verwirklicht: im Krieg, diesem sinnfreien Gemetzel, diesem Untergang der Moral – oder in all dem Grauen, was ihm folgt.

Krieg als Konsequenz von Lebenslügen

Der Krieg ist das Ergebnis, wenn der Dissenz zwischen Objektwelt und persönlichem Lügengebäude nicht mehr anders aufrecht erhalten werden kann als durch bloße Gewalttätigkeit. Alle autoritären Systeme und Diktaturen gelangen irgendwann an diesen Punkt – denn der Wille an sich, so stark er auch sein mag, ist nicht gleich der Welt. Der Krieg soll das richten. Er ist der Versuch, die Wahrheit zu unterdrücken, indem man andere Meinungen materiell vernichtet oder gleich ganz die Objektwelt zerstört. Sein Fehler liegt darin, dass Zerstörung an sich das eigene Lügengebäude nicht wirklicher macht. Er er erzeugt nur Grauen und Sprachlosigkeit.

Aber den Anfang nimmt das Ganze schon sehr viel früher: Letztlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Menschen, die nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden, keinerlei moralisch konsistente Ordnung schaffen können und aufgrund ihrer mangelnden Wahrhaftigkeit nichts wirklich Kreatives zuwerke bringen können. Das gilt auch für all jene, die das Gute nur meinen. Denn ohne die Wahrhaftigkeit fehlt das Fundament – und ohne Fundament der Halt, wenn es wirklich schwierig wird. All diese guten und undurchdachten Absichten werden von den Wellen des Lebens sogleich fortgespült, wenn das schöne Wetter mal zuende ist.

Innere Wahrheit, Träume und Kunst

Und es war absehbar, dass es einmal endet, denn alles endet irgendwann. Damit aber wieder etwas beginnen kann, etwas moralisch Gutes, bedarf es zuallererst einer inneren Wahrheit. Bloße Gefühlsduselei genügt nicht, will man ethisch handeln. Gefühle allein treiben an, sie stiften aber noch keine Ordnung. Und sie alleine erschaffen im Übrigen auch keine Kunst. Kunst bedarf nämlich auch des Verstandes.

Es mag absonderlich klingen, da Krieg ja durch Lüge entsteht und da Krieg feindliche Wirklichkeiten ja vernichtet: Aber gerade darum braucht es in der Welt mehr echte Träumer und Fantasten und mehr denn je Künstler: Denn um Frieden zu schaffen, wenn alles zerstört ist, müssen wir die Wahrheit durch sie wieder in die Welt einpflanzen.

Über Martin Dühning 1308 Artikel
Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.