Goldmangel

Die Quittenernte fiel dieses Jahr eher mau aus – mit dem verbliebenen Rest „Gold von Ninda“ will Vizekönigin Luisa Amiratu gut haushalten.

Präsentation des "Hot Chili Quittengelees" 2019 (Foto: Martin Dühning)
Präsentation des „Hot Chili Quittengelees“ 2019 (Foto: Martin Dühning)

Wir schreiben den 8. Oktober 534 a. C. – Die Ernte in Südninda ist eingebracht, doch sie hätte besser ausfallen können. Quitten, das „Gold von Ninda„, gab es heuer nur wenige. Viele Lager stehen leer. Anastratin.de hat die kaiserliche Verwalterin der Krondomänen zur ihrer künftigen Landwirtschaftspolitik befragt.

Anastratin.de: Frau Vizekönigin, Sie haben die Erntesaison heute feierlich für beendet erklärt.

Luisa Amiratu: Das stimmt so nicht ganz, ich habe die Obsternte für beendet erklärt. Die Kastanienernte läuft aber noch – und Kastanien haben wir dieses Jahr wirklich viele!

Anastratin.de: Rosskastanien kann man aber nicht essen, zumindest gilt das für die meisten Ihrer Landsleute.

Luisa Amiratu: Ja, aber man kann viele nützliche Dinge aus Rosskastanien herstellen, wobei Sie durchaus Recht haben, momentan bringt uns das nicht sehr viel, weil wir keine Abnehmer für Kastanienprodukte und auch kaum Ressourcen für die Verarbeitung haben. Aber falls Sie auf die Quittenernte ansprechen wollen, wir hatten nur relativ wenige Quitten, mag sein, haben aber das Beste daraus gemacht!

Anastratin.de: Sie konnten etwa 300 nindanische Galleonen Quittengelee produzieren. Das ist nur ein Siebtel der Ausbeute der letzen Saison. Reicht das, um im grünen Bereich zu wirtschaften?

Luisa Amiratu: Das reicht natürlich nicht. Aber auch letztes Jahr hat uns die reichere Ernte nichts gebracht, weil wir zu wenig Verarbeitungskapazitäten hatten und keine Kunden fanden. Da sieht es dieses Jahr besser aus, denn es war fast überall ein schlechtes Obstjahr. Darum können wir auch die Preise anheben.

Anastratin.de: Einige potentielle Großhändler haben Ihnen erst heute abgesagt, weil sie diese höheren Preise – es ist das Doppelte vom Vorjahr – nicht zahlen wollten. Wird das nicht ein Eigentor?

Luisa Amiratu: Letztes Jahr mussten wir mit den Preisen soweit runter gehen, dass es wehtat – schon die Gläser waren teurer als die Verkaufspreise der Marmelade. Also ziehen wir eben jetzt die Preise auf ein nachhaltiges Niveau, was Produktionskosten und die aufwendige Herstellung berücksichtigt. Wir richten uns nach den ökologischen und fairnesstechnischen Standards des föderalen Handelsmagistrats. Falls ausländische Kunden lieber anderswo spottbillige, unfaire und umweltvernichtende Produkte kaufen wollen, können sie damit ja zeitweilig glücklich werden – aber bitte ohne uns mit Dumpingpreisen in den Ruin zu treiben. Wir müssen schon sehen, dass es für uns stimmt. Momentan haben wir sehr qualitative Produkte, aber eben wenige, also ist auch der Preis höher. Ich finde das so sehr angemessen.

Anastratin.de: Genau genommen haben Sie dieses Jahr nur eine einzige Sorte Gelee hergestellt…

Luisa Amiratu: Ja, es verwirrt halt manche Leute, wenn Sie die mit zuviel Vielfalt konfrontieren. Die Leute von heute wollen möglichst EINE einfache Lösung. Und wir haben die: „Hot Chili Quittengelee“ – das war schon letztes Jahr ein Verkaufsrenner unter all den Sorten und war recht schnell ausverkauft. Dieses Jahr haben wir weniger Quittenobst und wir haben das Gelee – glaube ich – noch besser hingekriegt. Also bin ich sehr zuversichtlich, dass es klappt.

Anastratin.de: Aber generell war die Obsternte doch eher spärlich dieses Jahr.

Luisa Amiratu: Sorgen Sie sich nicht, wir haben uns – also meine Agrarexperten und ich – wir haben uns jetzt ziemlich lange beraten und für die kommende Saison ein völlig neues Konzept ausgearbeitet, um die Obsterträge wieder dauerhaft zu steigern. Wegen der Trockenheit hatte ich ja schon in der Vergangenheit viele Zisternen und Bewässerungsanlagen bauen lassen. Aber gegen die Schädlinge setzen wir künftig viel intensiver Nützlinge ein und wir haben auch ein völlig neuartiges Imkereiprojekt aufgelegt, wir wollen zur Blüte wegen des Bienensterbens gezielt Bestäubungshummeln einsetzen, damit es etwas mehr Obst gibt. Und außerdem stehen wir in Kontakt mit Bodenverbesserungsspezialisten von nah und fern, um die Fruchtbarkeit der Äcker und die natürliche Widerstandskraft der Pflanzen zu verbessern. Somit werden wir also künftig gleich von mehreren Seiten unsere Landwirtschaft ökologisch und nachhaltig verbessern. Das Ganze hat bislang nur einen Haken…

Anastratin.de: Das Geld? …

Luisa Amiratu: Nun ja, also diese ganzen Maßnahmen werden schon ein gewisses Maß an Investitionen voraussetzen…

Anastratin.de: Sie wissen schon, dass die Föderation derzeit noch ganz andere Ausgaben stemmen muss und die Wirtschaftslage ist weiterhin eher desaströs?

Luisa Amiratu: Deshalb bemühen wir uns ja auch, Investoren bei unseren Verbündeten zu finden. Mit unseren Konzepten stießen wir bei den Altduniern immerhin auf offene Ohren, soweit das möglich ist, jedenfalls. Und der Kaiser hat uns zugestanden, dass wir die Devisen, die wir mit den Erzeugnissen aus den kaiserlichen Domänen erhalten, behalten und reinvestieren dürfen.

Anastratin.de: Im günstigsten Fall werden Sie mit den 300 Galleonen Quittengelee bei den von Ihnen anvisierten Preisen 300 Megacredits erwirtschaften, das deckt wahrscheinlich noch nicht mal die Bewirtschaftungskosten der Plantagen.

Luisa Amiratu: Das liegt aber hauptsächlich an der dieses Jahr schlechten Obsternte und dass wir viele Produkte gar nicht exportiert, sondern lokal verkauft haben, um das Preisniveau für die Bevölkerung stabil zu halten trotz der Inflation oder um Nahrungsmittel zu importieren. Dieses Geld fehlt dann natürlich – wir hatten ja eine sehr gute Blaubeerenernte und dieses Jahr hatten wir sogar erstmals seit 200 Jahren wieder eine Kartoffelernte.

Anastratin.de: Das waren nur vier Galleonen Kartoffeln, kein Vergleich zu den vierzigtausend Galleonen in altjestrischer Zeit.

Luisa Amiratu: Ja, aber wir bekamen die Saatkartoffeln zufällig geschenkt und es war gar nicht geplant gewesen, welche zu pflanzen! Pünktchenbeeren hätten wir auch schon gehabt, aber nur in so geringem Maße, dass sich eine Weiterverarbeitung nicht gelohnt hat. Aber Sie haben schon ein bisschen recht damit, es war insgesamt ein enttäuschendes Erntejahr (grummelt) …

Anastratin.de: In der Bevölkerung mehren sich Sorgen, dass demnächst auch die Kosten für Grundnahrungsmittel steigen werden.

Luisa Amiratu: Da müssen Sie sich keine Sorgen machen, hier wird niemand hungern oder mehr für sein täglich Brot zahlen müssen. Wir halten die Preise für Grundnahrungsmittel stabil, das haben der Kaiser und ich abgesprochen. Nur importierte Luxusgüter steigen im Preis und da haben wir uns mit dem Handelsmagistrat geeinigt, dass wir manche Produkte lieber ganz aus dem Sortiment nehmen, statt die Preise für die Bevölkerung ins Unermessliche steigen zu lassen. Es ist auch so, dass wir wirklich vieles noch auf Lager haben, Getreide, Tee, Kräuter und dergleichen. Schlechter sieht es bei den technischen Verbrauchsgütern und im Energiesektor aus, aber das trifft eher die Flotte, die Staatsbetriebe und die größeren Städte, also auf Ninda hauptsächlich Ventadorn. Da werden wir wohl Kosten verlagern müssen – aber das klären Sie am besten mit einem Legaten, dafür bin ich letztlich auch nicht zuständig, das ist Föderationsangelegenheit.

Anastratin.de: Macht es Ihnen Sorgen, dass bald Winter kommt?

Luisa Amiratu: Ich habe jetzt ein halbes Dutzend Winterjahre auf Ninda erlebt und bin nun schon 34 Jahre lang Vizekönigin, der Winter macht mir keine Sorgen. Man muss halt anders haushalten und die Natur als Gewalt ernst nehmen – wenn Sie nicht gegen die Zeit agieren und mit Vernunft, dann hat auch der Winter seine schönen Seiten. Ich freue mich schon auf das Kulturprogramm im Winter und hoffe natürlich auf ein schönes Weihnachten. Winter ist eine Zeit für die Hoffnung – und Hoffnung ist eine Gnadengabe, das habe ich hier in Nitramien gelernt.

Anastratin.de: Frau Vizekönigin, wir danken für das Gespräch.

Luisa Amiratu: Danke ebenso und noch einen schönen Tag.

Das Gespräch führte Nils Kawomba.

 

 

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Nils Kawomba, ehemals Chefredakteur der NNZ (Neue Nitramische Zeitung), ist unser nitramischer Korrespondent in Ventadorn (Ninda).